13. Mai 2011: Schreiben von Prof. Weibel an Dr. Max Oswald Klubdirektor Landtagsklub der Grünen / Steiermark

Sehr geehrter Herr Dr. Oswald,

ich bin Ihnen und Frau Landtagsabgeordnete Ingrid Lechner-Sonnek und Ihrer ganzen Fraktion außerordentlich dankbar, dass Sie nicht nur die Kunst, sondern auch die soziale Gerechtigkeit und die Demokratie gegen autokratische Allüren verteidigen. Selbstverständlich können Sie für den Entschließungsantrag die E-mail von Herrn GF Dr. Muchitsch als Beilage und Beweisstück verwenden und ebenso selbstverständlich die Textpassagen meines Briefes.

Inzwischen hat sich allerdings einiges ereignet, das ich Ihnen zur Kenntnis bringen möchte. Am 11. Mai 2011 kam es zwischen der GF (Muchitsch, Pakesch), zwei weiteren Mitarbeiterinnen des Joanneums, Prof. Dr. Marhold vom Aufsichtsrat und RA Dr. Lindner, Dr. Steinle und mir zu einem Gespräch. Mein Ersuchen um Wiedereinsetzen von Frau Dr. Steinle, um die drei Eröffnungsausstellungen sicherzustellen, wurde ohne Angabe sachlicher Gründe brüsk abgelehnt. Es wurde versichert, die angebotene Stabsstelle gäbe Frau Dr. Steinle genügend Handlungsfreiheit und -autonomie, um als Projektleiterin der drei Eröffnungsausstellungen agieren zu können. Mir selbst wurde angeboten, die Kuratorenschaft der drei Eröffnungsausstellungen wie auch die Herausgeberschaft der drei Kataloge zu übernehmen. Die GF hat also ihre Position widerrufen, und mir die schon mehrfach vereinbarten und publizierten Aufgaben wieder übertragen. Ich habe allerdings betont, dass ich diese Aufgaben nur wahrnehmen kann, wenn Frau Dr. Steinle in der Tat als Projektleiterin handlungsfähig ist.

Allerdings haben Frau Dr. Steinle und ich den angebotenen und von der GF unterschriebenen Vertrag nicht unterschrieben, weil wir aus Erfahrung wissen, dass mündliche und schriftliche Vereinbarungen am nächsten Tag wieder zurück genommen werden und leider keine lange Gültigkeit besitzen. Die acht Jahre unter der Intendanz Pakesch waren eine Kette von Vereinbarungen, die nicht eingehalten wurden, auf die neue Vereinbarungen folgten, die wiederum zurückgezogen wurden, die Rückzieher führten zu neuen Vorschlägen und Vereinbarungen, die wieder hintertrieben wurden. So wurde langsam die budgetäre, organisatorische und personelle Autonomie der NG abgebaut. Als Beilage und Beleg sende ich Ihnen den Briefverkehr zwischen Bundesministerium, GF und Neue Galerie. Frau Dr. Steinle und ich wollten daher erproben, ob die GF ihr Wort hält, und erst dann unterzeichnen. Wie befürchtet und erwartet kam es zu einem Wortbruch (siehe das Gedächtnisprotokoll von Frau Dr. Steinle vom 13.5.2011).

Frau Dr. Steinle ging am Freitag, den 13.5.2011, auf Wunsch der GF zur Büroübersiedlung in den neuen Standort der NG. Dort bat sie den neuen Leiter der NG, Dr. Peer, höflichst um kollegiale Unterstützung. Der allerdings antwortete mit Klartext: Frau Dr. Steinle soll isoliert in ihrem neuen Büro arbeiten und keinen Kontakt zu den Mitarbeiterinnen erhalten, obwohl das Gegenteil mit der GF ausgemacht war. Auf die Frage “warum” hieß es: Weil er es so will, weil die GF es so will und die Mitarbeiter es wollen. Frau Dr. Steinle bat, die fraglichen Mitarbeiter zu holen, die im Gegensatz zur Aussage von Dr. Peer bestätigten, dass sie gerne mit Frau Dr. Steinle zusammen arbeiten und die Büroräume teilen wollen. Der darauf hin am Nachmittag erfolgte Briefwechsel zwischen GF und RA Dr. Lindner führte dazu, dass die Mitarbeiterinnen doch bei Frau Dr. Steinle arbeiten dürfen. Man kann also wieder schweres Mobbing und freche Lügen feststellen. Desweiteren sagte der neue Leiter, es müsste Frau Dr. Steinle klar sein, dass er, Dr. Peer, Personalhoheit und Budgethoheit habe und er den Aufbau der Ausstellungen organisieren werde. Das Ausstellungsteam und die Mitarbeiterinnen seien allein ihm unterstellt. Frau Dr. Steinle habe keine Anweisungen zu treffen und niemandem etwas aufzutragen. Alle Anfragen und Anträge hätten über ihn zu gehen, und er müsse sie bewilligen. Schon Tage vorher hatte die GF dem versammelten Team der NG mitgeteilt, dass die Worte von Frau Dr. Steinle keine Bedeutung haben, wenn sie jemandem etwas auftrage, er dies nicht zu befolgen habe. Was immer sie anordne, habe keine Relevanz, niemand sei verpflichtet, zu machen und zu befolgen, was Frau Dr. Steinle sagt. Damit wurde den Mitarbeiterinnen Angst gemacht, mit Frau Dr. Steinle zu kooperieren. Denn wer trotz dieser Mitteilung und Warnung der GF kooperiert, wird schnell verdächtig und muss damit rechnen, versetzt zu werden – das übliche Management der Angst, das ich der GF des Joanneums schon lange vorwerfe. Es wurde von der GF sogar erwogen, für das Büro von Frau Dr. Steinle im 2. Stock ein extra Schloss zu machen, so dass sie nirgends hinein kann und stets läuten müsste, wenn sie die Bibliothek benützen oder Mitarbeiterinnen der Ausstellungsprojekte treffen möchte.

Es ist also das eingetreten, was ich aus Erfahrung befürchtete: die Stabsstelle ist eine Stelle ohne Befugnisse. Das Versprechen, Frau Dr. Steinle sei nur Intendant Pakesch unterstellt und nicht Dr. Peer, war wieder einmal falsch. Wenn in Wirklichkeit alles mit Dr. Peer zu besprechen ist und Dr. Peer für das Personal, das Budget, das Aufbauteam zuständig ist, dann ist Frau Dr. Steinle de facto Dr. Peer unterstellt. Die Stabstelle ist realiter keine Stabsstelle. Die GF ist also nicht von der Politik abgewichen, die Ausstellungen zu verhindern, denn unter den beschriebenen Umständen sind die drei Eröffnungsausstellungen nicht machbar. Es ist einfach kein Wille seitens der GF zu erkennen, die drei Eröffnungsausstellungen zu realisieren und durch entsprechende Maßnahmen zu ermöglichen. Es ist vielmehr zu erkennen, dass die GF Frau Dr. Steinle so lange mobben will, bis sie von selbst aufgibt und in der Folge auch ich – und dann wird uns die Schuld zugewiesen werden. Es ist nicht zumutbar, dass schon am ersten Tag des Arbeitsbeginns Frau Dr. Steinle um das kämpfen muss, was ihr zugesagt wurde, nämlich ein Bürosituation mit Mitarbeiterinnen. Weil damit klar wird, dass Frau Dr. Steinle jeden Tag aufs Neue um das ringen muss, was ihr versprochen wurde.

Der Vorschlag der Stabsstelle ist also, wie befürchtet, hinfällig, da die Stabsstelle gar keine Stabsstelle ist, sondern eine fortgesetzte Entmachtung und Entmündigung von Frau Dr. Steinle, ein grenzenloses Mobbing und eine infinite Infamie. Schon Frau Dr. Gurke vom Shop des Kunsthauses wurde so lange gemobbt, bis sie krank wurde und zusammenbrach und darauf bin gekündigt wurde. Exakt das gleiche Drama und Schicksal ereilte Frau Universitätsdozentin Dr. Steinklauber, Leiterin der Archäologieabteilung des Joanneums, und noch viele andere. Die Frauenfeindlichkeit der GF des Joanneums ist offensichtlich und systematisch.

Der gute Wille von Frau Dr. Steinle und mir, im Sinne der Sache Kompromisse einzugehen, ist wieder getäuscht worden. Die fortgesetzten Erniedrigungen, Demütigungen und Repressionen von Frau Dr. Steinle müssen ein Ende haben. In China werden Leute eingesperrt, in Österreich ausgesperrt – ist das nicht ein Versagen demokratischer Institutionen und Regeln, noch dazu in der Kultur, dem Hort der Freiheit und Autonomie? Sogar im Fußball gilt, dass niemand vom Feld verwiesen werden kann, nur weil der Schiedsrichter den Spieler persönlich nicht leiden kann. Frau Dr. Steinle erhält die rote Karte, obwohl sie kein Foul begangen hat und sich nichts zu Schulden kommen ließ, sondern im Gegenteil seit zwanzig Jahren ein brillantes Programm geliefert hat. Diese ganzen Vorgänge um Frau Dr. Steinle und auch um Dr. Fenz, Leiter des Instituts im öffentlichen Raum, erinnern mich an die 30er Jahre. Das erfüllt mich mit großer Besorgnis. Herr Dr. Marhold vom Aufsichtsrat, der die ungerechten Beschlüsse mitgetragen hat, betont im Gespräch immer wieder, die Vergangenheit solle ruhen. Das heißt, über das Unrecht solle hinweggesehen und die Vergehen sollen vertuscht werden. Das ist die Täterperspektive. Wie kann ein Komplize zum Mediator werden? Kann man wieder mit Menschen machen, was man will? Darf, kann, muss   Frau   Dr.   Steinle   demnächst   mit   der   Zahnbürste   Gehsteine   reinigen?   Wie Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek geschrieben hat, darf Frau Dr. Steinle wirklich wie Müll behandelt werden? Können verdienstvolle Frauen in einer Demokratie so brutal schikaniert werden: Keine Rechte, persönliche Kränkungen, Demütigungen und Erniedrigungen, Mobbing, Psychoterror und falsche Behauptungen. Frau Dr. Steinle muss seit ihrem Rauswurf Psychopharmaka einnehmen. Ist das der gerechte Lohn in einer Demokratie für eine Frau voller Verdienste, die nur aus dem Weg geräumt wird, damit Intendant Pakesch endlich auch totale Macht über die NG bekommt? Wie ist es möglich, dass Aufsichtsorgane in der Steiermark nicht aufdecken, sondern zudecken? Warum wird die Geburtstagsfeier der Mutter von Herrn Peter Noever im Wiener MAK juristisch untersucht, aber die Geburtstagsfeier der Mutter von Herrn Intendant Pakesch im Weitzer-Saal der kulturhistorischen Sammlungen im Museum Neutorgasse (ca. 2006) nicht weiter beachtet? Warum darf der Ex-Mann von Frau Dr. Marko ohne Ausschreibung für ein sehr hohes Honorar die Lichtgestaltung des neu eröffneten Museums im Palais in der Sackstrasse übernehmen? Warum darf die Renovierung dieses Museums und die Gestaltung der Ausstellung 7 bis 8 Millionen Euro kosten, aber die NG in der Neutorgasse muss Lampen einsparen? Warum dürfen Künstler, die Herr Pakesch zu Besprechungen einlädt, von Venedig nach Graz und zurück mit dem Taxi fahren wie Herr Olafur Eliasson, aber die NG erhält für die gesamte Landeskunstpreis-Ausstellung 2010 nur 10.000 Euro, so dass die steierischen Künstlerinnen weder die Reisen noch die Übernachtungen oder das Material und Tagesdiäten bezahlt werden konnten?

Herr Dr. Oswald, ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, diesen Brief zu lesen. Ich glaube, die neuen Informationen sind für ihren Entschließungsantrag relevant. Sie sehen, die GF des Joanneums gefährdet nach wie vor die Existenz der neuen Galerie und die Realisierung der drei Eröffnungsausstellungen. Ich glaube daher, und dies ist auch meine Bitte, der Antrag müsste lauten: Die Landesregierung wird aufgefordert, die drei Eröffnungsausstellungen des UMJ sowie die Zukunft der NG sicher zu stellen, indem Frau Dr. Steinle die Leitung der Neuen Galerie bis Ende 2011 wieder übertragen wird (wie es schon im Falle von Frau Dr. Fiedler für den Skulpturenpark geschehen ist).

Mit dem Ausdruck tiefster Hochachtung und Dankbarkeit Ihr Peter Weibel

PS: Ich darf Sie nach Erhalt dieses Schreibens anrufen.

 

This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort