13. Mai 2011: Schreiben von Prof. Weibel an die politischen Abgeordneten des Landes und der Stadt (Langtext)

Die Chronologie des Konfliktes: »Die Strategie hat System«

1. Der neue Standort
2. BRUSEUM – ein Museum für Günter Brus
3. Sammlungsausstellung »Moderne: Selbstmord der Kunst?«
4. Personale Hans Hollein
5. Zusammenfassung

Sehr geehrter Herr, sehr geehrte Frau

Es ist leicht, nichts zu wissen. Es ist leichter, nichts wissen zu wollen.

»Die Strategie hat System«, schreibt Naomi Klein in ihrem Bestseller »Die Schock-Strategie« (2007) über eine Methode, die Krisen benützt oder erzeugt, um »Schock-Attacken auf unbequeme soziale Gruppen und demokratische Institutionen … mit offen autoritären Maßnahmen« durchzuführen. Im Zuge von Sparauflagen wurden Ende April Abteilungen des UMJ zusammengelegt und dies als Vorwand benützt, um ein halbes Dutzend von Leiterinnen, die keine »willfährigen Vollstrecker« (Daniel Goldhagen, 1996) der Intendantenwünsche waren, von ihren Posten abzusetzen. Innerhalb eines Tages erfolgten die Mitteilungen an die betroffenen Personen und die öffentliche Verkündigung, desgleichen die nachträgliche Information der zuständigen Gremien (Kuratorium und Aufsichtsrat des UMJ), die vor vollendete Tatsachen gestellt wurden und nurmehr zustimmen konnten und wollten. Besonderes mediales Aufsehen erregte dabei die Absetzung des Leiters des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum, Dr. Werner Fenz, und der Leiterin der Neuen Galerie, Dr. Christa Steinle, und mir, Chefkurator der NG, nachdem ich gegen die Absetzung von Frau Dr. Steinle protestiert hatte.

Aufgrund der öffentlichen Debatte kam es am 4.4.2011 zu einer Sitzung zwischen der Geschäftsführung des UMJ, LR Dr. Buchmann und mir, in der vereinbart wurde, dass ich als Kurator die drei Eröffnungsausstellungen der Neuen Galerie im neuen Standort Joanneumsviertel machen werde, wenn mit Frau Dr. Steinle eine Einigung gefunden wird. Dies wurde am Ende der Sitzung der anwesenden Presse und dem Fernsehen mitgeteilt. Am Mittwoch, den 6.4.2011, fand ein Treffen zwischen der GF des UMJ, Dr. Christa Steinle, RA Dr. Lindner und mir statt, bei dem die getroffenen Vereinbarungen bestätigt und im Detail ausgehandelt wurden. RA Dr. Lindner verfasste ein Protokoll, dessen Eckpunkte am Ende vorgelesen wurden, um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen. Die Vereinbarung besagte, dass für Frau Dr. Steinle eine Stabsstelle geschaffen wird und sie alle drei Eröffnungsausstellungen mit mir als Kurator und Herausgeber der Kataloge mit dem Team der Neuen Galerie leitet. Ebenso wurde vereinbart, dass Frau Dr. Steinle im Jahre 2012 eine Personale von Wilhelm Thöny kuratieren wird. Daraufhin wurde eine Presseaussendung verfasst, in der mitgeteilt wurde, dass die GF, Frau Dr. Steinle und ich einen tragfähigen Kompromiss gefunden hätten. Als Zeichen meines ehrlichen Bemühens um eine harmonische künftige Zusammenarbeit war ich auf Wunsch von Intendant Pakesch sogar bereit, mich in der Presseaussendung der GF vom 6.4.2011 für meine Wortmeldungen in der Presse zu entschuldigen.

Doch einige Tage später war alles anders. Entgegen den öffentlich verlauteten Vereinbarungen ist die GF einseitig von den getroffenen Regelungen, die der Politik und der Presse kommuniziert wurden, abgegangen und hat andere, einschränkende und negierende Vorstellungen vorgeschrieben (Beilage 1). Frau Dr. Steinle und ich, die Politik und die Presse wurden durch die Presseaussendung der GF am 6.4.2011 getäuscht.

RA Dr. Guido Lindner hat Ihnen am 22.04.2011 einen Bericht über den Stand der Verhandlungen mit der GF des Joanneums zukommen lassen, aus dem Sie erkennen können, dass die Vereinbarungen zwischen mir und der GF, die im Büro von LR Dr. Christian Buchmann am 4.4.2011 getroffen und anschließend der Presse verkündet wurden, und die am Mittwoch 6.4.2011 in Anwesenheit von Dr. Christa Steinle, RA Dr. Lindner und zwei weiteren Mitarbeitern des Joannneums nochmals im Detail festgelegt wurden, nachträglich und einseitig von der GF verändert wurden. Den TV-Berichten und den Zeitungen ist eindeutig zu entnehmen, dass die Botschaft der Pressekonferenz am Montag den 4.4.2011 sowie der Presseaussendung am Mittwoch den 6.4.2011 unmissverständlich war, dass nämlich Dr. Christa Steinle und ich die drei Eröffnungsausstellungen für die Neue Galerie im Joanneumsviertel realisieren werden {Kleine Zeitung online 6.4.2011). Auch das Kuratorium des UMJ wünschte sich eine einvernehmliche Lösung, damit die drei Eröffnungsausstellungen sichergestellt sind (Aussendung 6.4.2011). Ab 1. Mai 2011 hätte Frau Dr. Steinle ihre Tätigkeit beginnen sollen.

Die GF hat also den Kompromissvorschlag vom 6.4.2011 aufgehoben und blockiert damit die Realisierung der drei Eröffnungsausstellungen. Warum die neuen Vorschläge (siehe Beilage 1) aus rein sachlichen Gründen nicht akzeptabel sind, möchte ich Ihnen darstellen.

1. Der neue Standort

In vielen Publikationen und Ankündigungen sowohl des Joanneums wie der Steiermark- Werbung zum 200-Jahre Jubiläum des Joanneums wird betont, die Eröffnung des Joanneumsviertel am 26.11. 2011 mit der Landesbibliothek und der Neuen Galerie an neuen Standorten wird der Höhepunkt des Jubiläumsjahres sein. Als zweiter Höhepunkt wird der „glanzvolle Neustart” der kulturhistorischen Sammlungen im neuen Standort Palais Herberstein in der Sackstraße präsentiert. Wie kam es zu diesen neuen Standorten?

Die Übersiedelung der kulturhistorischen Sammlungen, ehemaliger Standort Neutorgasse, ins Palais Herberstein, und die Übersiedelung der Neuen Galerie, ehemaliger Standort Palais Herberstein, in die Neutorgasse war eine Idee von Dr. Steinle und mir. Heute überschlägt sich die GF in Programmheften vor Begeisterung, wie die kulturhistorische Sammlung „im prachtvollen Palais Herberstein” und in den „kostbar ausgestatteten barocken Prunkräumen” als „Schatzkammer der Steiermark” zur Geltung kommt. Aber damals, als Frau Dr. Steinle und ich den Vorschlag des Standorttausches machten, wurde dieser von den GF Dr. Muchitsch und Intendant Pakesch erbittert bekämpft. Kulturlandesrat Dr. Flecker konnte allerdings von den vielen Sachargumenten überzeugt werden und hat den Standortwechsel gegen den Willen der GF durch- bzw. umgesetzt. Wie Sie hier bereits erkennen, ging es von Seiten der Neuen Galerie nie um persönliche Differenzen, sondern nur um sachliche Kompetenzen zum Wohle des Joanneums und der Steiermark. Wenn es nun in der Broschüre „Erlebnisreich Steiermark” (Ausgabe 2011) heißt: „Zum 200-Jahre Jubiläum des Universalmuseums Joanneum schlägt die Steiermark ein neues Kapitel in ihrer gehaltvollen Kulturgeschichte auf: Im Mai wird das Museum im Palais und im November das neue Joanneumsviertel eröffnet.”, so zeigt sich, dass unsere Idee des Standortwechsels richtig war. Warum werden die Urheber dieser vielversprechenden und als neues Kapitel gelobten Idee bestraft anstatt belohnt? Warum werden wir ein halbes Jahr vor der Eröffnung gekündigt? Warum dürfen die Urheber ihre Idee nicht ausführen? Und warum will die GF dies verhindern?

Der Hauptgedanke des Standorttausches war der folgende:

Wenn ca. 40 Mio EUR in einen Bau und Umbau gesteckt werden, erwartet sich die steirische Bevölkerung zu Recht ein attraktives Programm, das diesen aufwendigen Bau rechtfertigt. Die Landesbibliothek hat andere Aufgaben als ein Museum. Sie muss nicht breite Publikumsschichten anziehen. Die kulturhistorische Sammlung hat die letzten Jahre fast keine Ausstellungen durchgeführt, sodass das Gebäude über viele Jahre leer stand und an Bedeutung verlor. Frau Dr. Steinle und ich konnten Herrn Kulturlandesrat Dr. Flecker Beweise vorlegen (Schiele-Ausstellung der Neuen Galerie in der Neutorgasse mit 80.000 Besuchern in wenigen Wochen, „Phantom der Lust”-Ausstellung der NG im Kulturhauptstadtjahr 2003 mit weltweiter Resonanz), dass nur die NG aufgrund ihrer Kompetenz und ihrer Erfolge sowie langjähriger Erfahrung eine Garantie bieten kann, dass im Joanneumsviertel mit publikumsattraktiven Ausstellungen und Sammlungspräsentationen ein lebendiges Zentrum entstehen kann. Herrn LR Dr. Flecker hatte das Konzept überzeugt und hat es gegen den Widerstand der GF durchgesetzt. Die Entscheidung war offensichtlich richtig, wie es jetzt der Sinneswandel der GF zeigt, die nun selbst die neuen Standorte über alle Maßen preist. Aber offensichtlich kann es die GF nicht verwinden, dass der Standorttausch ein Vorschlag von Frau Dr. Steinle und mir war. Deshalb versuchen sie uns unsere Leistungen wegzunehmen, indem sie mich vor der Eröffnung kündigen und Frau Dr. Steinle absetzen, obwohl wir die Eröffnungsausstellungen konzipiert haben.

Nachdem seit 2003 mit Beginn der neuen Geschäftsführung des LMJ die Autonomie der Neuen Galerie Schritt für Schritt abgebaut wurde, war der zweite Gedanke des Standorttausches die Hoffnung, dass die Neue Galerie vom neuen Standort profitiert. Das renovierte Landesmuseum in der Neutorgasse ist ja das Hauptgebäude des UMJ, in das personell, infrastrukturell und finanziell investiert werden muss, weil es ja eine große Anziehung für Besucher ausüben muss. Man kann die NG in der Sackstrasse, in der sie buchstäblich logiert, vielleicht unbemerkt in eine Sackgasse verschieben, aber im Hauptgebäude muss die NG unterstützt werden, damit das Joanneumsviertel lebt. Darum hielt ich bei der Abschiedsfeier, als die NG ihr Stammhaus in der Sackstrasse verließ, in Anwesenheit derGF eine Rede mit dem Titel »Aufstieg und Fall der Neuen Galerie? «. Es war mir nämlich wohl bewusst, dass der Auszug der NG aus der Sackstrasse deren Niedergang sein könnte. Aber ich hoffte, die GF wünschte sich genauso wie ich einen Erfolg des Joanneumsviertels und der Erfolg der Neuen Galerie wäre der Erfolg des Joanneumsviertels und somit würde die GF in der Logik des Erfolges den Erfolg der Neuen Galerie unterstützen. Ich konnte nicht annehmen, dass der GF der Erfolg der Neuen Galerie und des Joanneums weniger wichtig ist als ihr persönlicher Erfolg. Wer konnte annehmen, dass ein florierendes Haus wie die Neue Galerie und ihr erfolgreiches Team zerstört und aufgelöst werden, nur um einen persönlichen Triumph zu haben. Ich glaubte, der Triumph des Joanneums würde über allem stehen und dass daher ein leistungsstarkes und erfolgreiches Team nicht entlassen wird. Selbst Mitglieder des Kuratoriums, die sich aus verschiedenen Gründen nicht öffentlich äußern wollen, haben mir privat mitgeteilt, dass sie ganz klar sehen, dass Intendant Pakesch einen privaten Rachefeldzug führt. Nun habe er sein persönliches Ziel erreicht, er hat die historische Neue Galerie, die heuer ihr 70-jähriges Bestehen zu feiern hätte, zerstört und durch die Zusammenlegung mit dem Kunsthaus die Neue Galerie unter seinen totalen Machtbereich gestellt.

Sie sehen hier die Problemlage: Dr. Steinle und ich denken stets und nur sachkompetent zum Wohle der Steiermark, seiner Kunstszene und seiner Bevölkerung. Unser Ziel war immer, der steirischen Kunstszene und ihren Freunden am besten zu dienen. Wir haben daher nicht nur Graz und die Steiermark mit international beachteten Ausstellungen positioniert, die zum Teil in die Kunstgeschichte eingegangen sind (wie Kontextkunst 1993), sondern wir haben auch mit einer spezifischen Ausstellungs- und Katalogreihe steirische Künstler von Brandl bis Wurm zu internationaler Geltung verholfen. Wegen dieses profilierten Programms hat die NG als einziges Landesmuseum in Österreich Jahr für Jahr einen Zuschuss vom Bund erhalten. Ausschlaggebend für dieses Erfolgsprofil war allerdings seit Jahrzehnten die Weisungsfreiheit von der Direktion des Joanneums, also die budgetäre und programmatische Autonomie der Neuen Galerie. Es geht also nicht um die personelle Selbstständigkeit, selbststständiges Handeln von Frau Dr. Steinle und mir, sondern es geht allein um die institutionelle Autonomie der Neuen Galerie, die in allen Jahrzehnten vor 2003 von den jeweiligen Direktorinnen des LMJ respektiert und nicht angetastet wurde. Es geht also auch nicht um den Konflikt zweier Alphatiere, wie die Presse marktschreierisch schreibt, sondern um die Verteidigung dieser Autonomie der NG. Wenn in Ihr Haus eingebrochen würde, wären Sie auch empört, in der Presse zu lesen, zwischen dem Einbrecher und Ihnen wäre es zu einem Kampf zwischen zwei Alphatieren gekommen. Sie haben ja nur Ihr Haus verteidigt. Ich habe immer anerkannt, dass Herr Pakesch Intendant des LMJ und mein Vorgesetzter ist. Aber mit der Metapher der Alphatiere wird das Verhältnis von Täter und Opfer umgedreht. Weil ich Intendant Pakesch ja unterstellt bin, konnte und wollte ich niemals seine Entscheidungen betreffend LMJ und Kunsthaus in irgendeiner Weise lenken, geschweige behindern oder verhindern. Es ist doch grotesk zu glauben, dass ich in dieser Konstellation (hier allmächtiger Intendant, da Kurator mit Werkvertrag) etwas zu entscheiden hätte. Dazu fehlt mir doch jede Grundlage. Nicht ich kann entscheiden, wieviel Werbebudget das Kunsthaus bekommt (z.B. 330.943 EUR im Jahr 2008). Aber Intendant Pakesch kann entscheiden, wieviel Werbebudget die NG bekommt (z.B. 47.645 EUR im Jahr 2008). Nicht ich kann personelle, budgetäre, organisatorische Entscheidungen treffen. Ich war ja nur Kurator. Ich konnte und wollte nie etwas verlangen. Nur umgekehrt, wenn Intendant Pakesch die Neue Galerie behindern und einschränken wollte, habe ich mich in den krassesten Fällen dagegen gewehrt. Wenn wir bei Ausstellungen im eigenen Haus nicht sprechen durften, wenn er uns Ankäufe diktieren wollte, wenn er uns Vorgänge aufzwingen oder verbieten lassen wollte, die nicht sachlich begründbar waren, habe ich mich gewehrt und die Neue Galerie verteidigt.

Schon zu Beginn der Intendanz von Peter Pakesch kam es zu typischen Differenzen. Als Leiter der Kunsthalle Basel hat er eine Auktion veranstaltet, deren Erlös dem Umbau der Kunsthalle Basel zugute kommen sollte. Peter Pakesch erzählte uns, es gäbe eine sehr schöne Arbeit von Albert Oehlen, die die Neue Galerie erwerben soll, weil sie bei der Auktion liegen geblieben war bzw. zurückgegangen ist. Die NG sollte 11.000 EUR dafür bezahlen. Unsere Internetrecherchen ergaben aber einen Marktpreis von 4.000 EUR. Noch dazu war die Provenienz fraglich, Pakesch soll selbst das Werk von Albert Oehlen in die Auktion eingeliefert haben. Außerdem war das angebotene Werk von Albert Oehlen nicht eines seiner besten, und beim geringen Ankaufsbudget der NG, fragten wir uns, warum sollen wir damit der Kunsthalle Basel dienen. Aus diesen Gründen lehnte! die NG den Ankauf ab. Bisher war es so, dass kein Direktor des LMJ der Neuen Galerie einen Ankauf aufgezwungen hat. Diesmal aber musste die Neue Galerie den Ankauf tätigen. Ein anderes Mal musste die Neue Galerie ein Werk der Künstlerin Esther Stocker, (eine Künstlerin, die mehrere Aufträge für das Kunsthaus erhalten hatte), von der Galerie Krobath&Wimmer/Wien kaufen, wobei eine der Galeristinnen eine ehemalige Mitarbeiterin der Galerie Pakesch ist. Bei einer zufälligen Überprüfung der Abrechnungen, weil im Zuge des Abbaus der Autonomie der NG die Abrechnung der NG großteils entzogen worden war, entdeckte Frau Dr. Steinle, dass das von Intendant Pakesch ausgesuchte Werk von Esther Stocker zweimal bezahlt worden ist bzw. doppelt verbucht worden war. Frau Dr. Steinle bat um Rückbuchung der angeblich irrtümlichen Überweisung. Das wurde abgelehnt. So besaß die Neue Galerie plötzlich zwei ähnliche Werke von Esther Stocker. Zur Pensionierung von Hofrat Richard Kriesche überraschte uns Indenat Pakesch mit dem aufgezwungenen Ankauf von drei Werken Richard Kriesches in der Höhe von circa 70.000 EUR, nämlich eine Heugabel aus der Serie »Humane Skulpturen«, zweitens ein konstruktives Gemälde, drittens eine riesige Militärplane, Teil der Arbeit… Wir machten vergeblich darauf aufmerksam, dass zwei der Werke (Heugabel und Riesenplane) gemeinsame Arbeiten von Kriesche und Peter Gerwin Hoffmann sind, dass diese beiden Arbeiten schon einmal von der Steirischen Kulturinitiative bezahlt worden waren und drittens diese drei Werke nicht repräsentativ für Kriesches Schaffen sind. Die Neue Galerie würde sich über einen Ankauf von Werken Richard Kriesches sehr freuen, noch dazu in dieser Höhe, aber dann sollten die Werke repräsentativ für das Schaffen Richard Kriesches sein, der ja einer der bekanntesten und anerkanntesten österreichischen Medienkünstler ist, den ich ja selbst als zuständiger Kommissär für den österreichischen Pavillion bei der Biennale von Venedig ausgestellt habe. Wir wünschten uns also ein Medienwerk für einen so hohen Betrag. Auch hier konnte die NG nicht abwehren. Die Heugabel ging an das Volkskundemuseum, wo sie schon einmal ausgestellt war, und die Neue Galerie verfügt nun über ein Ölgemälde und eine Plane von Richard Kriesche. Die Neue Galerie sollte Geld von der Steiermärkischen Sparkasse zum Ankauf für die Sammlung der NG erhalten. Die NG empfahl Werke aus Osteuropa zum Ankauf, erstens zur Stärkung der Sammlung auf Basis des Trigon-Gedankens, zweitens weil diese Werke damals noch sehr preiswert waren. Heute betreibt die 1. österreichische Sparkasse sehr erfolgreich diese Ankaufspolitik. Damals hatte sich Intendant Pakesch in die Gespräche ohne uns zu informieren eingeschaltet und der Sparkasse andere Ankaufsvorschläge aus dem Programm der Galerie Krobath & Wimmer gemacht. Mit dem Ergebnis, dass die Bank das der Neuen Galerie zugesagte Ankaufsbudget zurückgezogen hat. Auch für das von der Stmk Sparkasse finanzierte Wilhelm Thöny-Projekt musste sich Dr. Steinle schriftlich gegenüber Herrn Pakesch rechtfertigen. Und so ging es immer weiter.

Die Versuche, die Neue Galerie unter das Kuratel von Intendant Pakesch zu stellen, erreichten in den letzten Monaten vor der erzwungenen Demission Dr. Steinles groteske Höhepunkte. Eines Tages wurde der Neuen Galerie in einer Sitzung mitgeteilt, es gäbe in Zukunft weder ein festes Budget noch ein festes Ausstellungsprogramm, denn die GF habe sich eine neue Programmstruktur ausgedacht. Die Neue Galerie dürfe im Wettbewerb mit den anderen Abteilungen Ausstellungsprojekte vorschlagen und diese einem Gremium des LMJ vortragen, das dann entscheidet, welche Ausstellungen realisiert werden oder nicht. Die Letztentscheidung hielt sich explizit Herr Intendant Pakesch vor. Die besondere Pointe war, dass nicht ich oder Frau Dr. Steinle das Programm der NG in diesem Gremium vortragen durften, sondern nur einer unserer Mitarbeiter, gewünscht war Dr. Peter Peer. Nach Genehmigung des Programms würde dann auch das entsprechende Budget genehmigt werden. Unsere Argument, dass wir nach dieser Methode unsere Bundessubvention( in Zeiten der Programmhoheit EUR 15.000) verlieren werden, wurde mißachtet. Sie sehen, die erzwungene Demission von Frau Dr. Steinle war nur der letzte Schritt eines langen Feldzuges gegen die Autonomie der NG.

Die »unnötige bürokratische Grausamkeit«, wie Frido Hütter in der Kleinen Zeitung die Schlüsselberaubung benannte, mit der Frau Dr. Steinle der Zugang zu ihrem Büro verwehrt wurde, ist nur symptomatisch für das Klima der administrativen Gewalt und des Management bei Angst, das seit 2003 im LMJ herrscht. Nach meiner Entlassung erreichten mich mehrere E-Mails von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Joanneums, die mich baten, die Menschenrechte im Joanneum zu verteidigen und die mich in Kenntnis setzten, wie sehr sie »unter Pakesch und seinen Bluthunden« (Originalzitat) gelitten haben. Die GF hat seit 2003, so wurde mir mitgeteilt, etliche Arbeitsprozesse wegen ungerechtfertigter Entlassung geführt. Begonnen hat das brutale Personenkarusell mit der Entlassung des Leiters der Alten Galerie, Universitätsprofessor Dr. Biedermann, gegen die hunderte Kunsthistorikerinnen protestierten. Dann wurden noch weitere Mitarbeiterinnen abgesetzt, zum Beispiel höchst qualifizierten Damen, Dr. Schaukai als Leiterin des Bild- und Tonarchivs, Frau Universitäts-Dozentin Dr. Steinklauber, als Leiterin der archäologischen Abteilung, Frau Dr. Gurke, als Leiterin des Shop des Kunsthauses. Frau DDr. Reingard Rauch wurde als Präsidentin des Vereins der Freunde der Alten Galerie abgesetzt und interimistisch durch Intendant Pakesch ersetzt. Doch alle Personen, die vor einigen Jahren an die Stelle der alten Leiter, von Archäologie bis Volkskunde, traten, wurden mittlerweile selbst wieder abgesetzt und durch neue Leute, die willfähriger waren, ersetzt. All diese Kündigungen waren für mich Ausdruck administrativer Gewalt. So wurden Menschen eingeschüchtert und berufliche Existenzen zerstört. Ich habe versucht im Februar 2011, Herrn Dr. Konrad, Vorsitzender des Aufsichtsrats, über die Missstände zu informieren. Er hat sich auch alles aufgeschrieben, aber nicht weiter darauf reagiert. Aufsichtsräte in Österreich, das kennt man ja leider zur Genüge aus der Wirtschaft, sehen ihre Aufgabe ja darin, zuzudecken statt aufzudecken, zu vertuschen statt aufzuklären. Was mich bei der Entwicklung des Joanneums, die sie im kritischen Rechnungshofbericht nachlesen können, am meisten stört, ist der Abbau von zivilgesellschaftlichen Errungenschaften und dass verantwortungslos Erfolg aufs Spiel gesetzt wird, um seine eigene Macht auszudehnen. Wer am Rand des Rechtsrahmens operiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Rechtsradikalismus zunimmt. Denn keine Solidarität bedeutet Täterunterstützung. Unterstützung einer Tätermoral führt zu einem Klima, in dem Kompetenz kriminalisiert wird. Was bedeutet, dass je kompetenter und erfolgreicher eine Abteilung operiert, diese umso mehr verfolgt wird. Der Konflikt zwischen der GF des Joanneums und der Neuen Galerie war also nicht ein Fall von Freundschaft oder Feindschaft, sondern ein Konflikt zwischen Kompetenz und Inkompetenz.

Seit 2003, mit dem Beginn der Geschäftsführung Muchitsch/Pakesch, wurde systematisch versucht, die erfolgreiche Autonomie der NG abzubauen. Bereits 2002 hat Intendant Pakesch schon einmal versucht, mich zu kündigen. Auf sein Drängen, wie mir heute die damals mit dem Vorgang befassten Beamten mitteilen, hat Kulturlandesrat Dr. Hirschmann meinen laufenden Werkvertrag als Kurator der Neuen Galerie gekündigt, sodass dieser exakt am 31.12.2002 endet, wenn Peter Pakesch mit 1.1.2003 seine Tätigkeit als Intendant des LMJ beginnt. Aufgrund des Drucks der öffentlichen Meinung musste aber Kulturlandesrat Dr. Hirschmann diese Kündigung zurücknehmen. Allerdings hat Intendant Pakesch in den neuen Werkvertrag jene Maulkorbklausel hineingeschrieben, mit der er mich jetzt entlassen hat. Mit der Eingliederung der Neuen Galerie in die Abteilung „Zeitgenössische und moderne Kunst” hat Intendant Pakesch offensichtlich sein Ziel erreicht, wie er selbst in einer Zeitung sagt:”Die Neue Galerie gibt es nicht mehr”. Daraufhin hat WalterTitz in der Kleinen Zeitung geschrieben: „Die Neue Galerie war im steirischen Kunstbetrieb die erfolgreichste Marke. Nun wird die Marke zerstört, warum?” Im Programm Mai 2011 des UMJ wird auf Seite l die Eröffnung des Museums im Palais am 11.5.2011 groß angekündigt. In der kurzen Geschichte des Palais Herberstein, die dem Ausstellungsprogramm vorangestellt wird, kommt typischerweise der Name der Neuen Galerie gar nicht mehr vor. Es heißt dort nur: »Bis vor kurzem stand das Palais im Zeichen der zeitgenössischen Kunst…«, was nicht einmal stimmt, weil die Neue Galerie stellte die Kunst des 20. und 19. Jahrhunderts aus. Auch in den früheren Programmheften des LMJ sind die Ausstellungen der Neuen Galerie gering beworben worden, zum Beispiel wurde die Ausstellung des nationalsozialistischen Malers Millim im Schloss Trautenfels mit einer ganzen Seite beworben, hingegen wurden drei Ausstellungen der NG nur mit einer halben Seite abgefunden.

2. BRUSEUM

Um die Steiermark als ein führendes Kulturland in Österreich zu positionieren, hatte ich auch eine weitere Idee. Bundesländer wie Niederösterreich errichteten in den letzten Jahren zahlreiche Museen für ihre Künstler wie Nitsch, Rainer, Frohner. In Wien sammelt man Schiele, Klimt und Wiener Aktionismus. In Linz sammelt man Alfred Kubin, weil er Oberösterreicher ist. Es ist daher nahe liegend, den weltberühmten österreichischen Staatspreisträger Günter Brus, der in der Steiermark geboren wurde und in Graz lebt, zu einem Schwerpunkt der Sammlung zu machen. Es ist mir gelungen, Kulturlandesrat Dr. Flecker von der Notwendigkeit eines Sammlungsschwerpunktes Brus zu überzeugen, bevor Brus seine Werke als Nachlass nach Wien oder woandershin gibt. Die NG erhielt ca. 1 Mio EUR für den Sammlungsaufbau und später nochmals eine Summe für den literarischen Vorlass. Brus war so dankbar für diese Idee, dass er bedeutende Werke der NG schenkte und einen Namen erfand, das BRUSEUM. Auch diese Initiative von mir, die Gründung des BRUSEUMS, stieß auf Widerstand der GF und wurde auch nur durch die Unterstützung von KulturLR Dr. Flecker realisiert. Bei der Präsentation des BRUSEUMs allerdings durften weder Frau Dr. Steinle noch ich öffentlich sprechen. In vielen Sitzungen habe ich gemeinsam mit Günter Brus und Dr. Steinle die Sammlungsschwerpunkte bestimmt und jedes Stück des Ankaufs selbst ausgewählt. Also nicht nur die Idee, sondern auch der Aufbau der Sammlung und die Auswahl der Werke oblagen ganz mir, weil ich als ehemaliger Weggefährte die größte Sachkompetenz habe. So ist ein Kompetenzzentrum Günter Brus entstanden, das weltweit wirken soll. Wenn in nächster Zeit die bedeutensten Museen der Welt (wie schon das Centre Pompidou in Paris im Jahre 1993) Brus-Retrospektiven machen, werden wir in Graz stolz sein, als Kompetenzzentrum und Leihgeber involviert zu werden. Zur Eröffnung des BRUSEUMS wird seit langem ein Catalogue raisonne erarbeitet. Obwohl hier längst schon eine Einigung über die Finanzierung erlangt wurde (mithilfe der Gesellschaft der Freunde der Neuen Galerie), hat Herr Pakesch im letzten Vorschlag den Katalog wieder massiv in Frage gestellt. Insgesamt ist von Seiten der GF der Trend zu beobachten, die wissenschaftliche Leistung der NG zu behindern bzw. zu verhindern. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass wir eigentlich keine Kataloge machen sollten. Frau Dr. Steinle wurden sogar im Demissionsgespräch Vorwürfe wegen der Katalogproduktion gemacht. Dies zeugt von einer großen Inkompetenz, denn die Reputation eines Museums lebt sehr stark von seinen wissenschaftlichen Katalogen. Ohne einen Bestandskatalog hat eine Museumssammlung keinen Sinn. Heutzutage gehört eine Sammlung auch ins Netz gestellt, aber für die dafür notwendige Digitalisierung wurde das von Dr. Muchitsch zugesagte Budget wieder zurückgezogen. Also brauchen wir einen gedruckten Katalog, denn ohne Veröffentlichung der Werke kann niemand diese anfordern. Außerdem ist die NG der Auffassung, dass wissenschaftliches Arbeiten zum Gründungsgedanken des Joanneums gehört. Deshalb hat die NG schon seit der Gründung des BRUSEUMs bedeutende Publikationen in Österreich, Frankreich und Ungarn zu seiner Brus-Sammlung herausgebracht. Auch diese Leistung, die Gründung des BRUSEUMs, will die GF mir und Frau Dr. Steinle wegnehmen. Warum?

3. Sammlungsausstellung »Moderne: Selbstmord der Kunst?«

Die zweite Eröffnungs-Ausstellung, nämlich die Ausstellung der Sammlung unter dem Titel „Moderne: Selbstmord der Kunst”, geht ebenfalls auf eine Idee von mir zurück. Sie ist nicht eine x-beliebige Sammlungsausstellung, die übliche Reihung von sog. Meisterwerken, sondern basiert auf einen Konzept, das auf die Sammlung selbst eingeht und zurückgeht. In den 20 Jahren der Leitung der NG durch Dr. Steinle und mir als Chefkurator ist es nämlich gelungen, trotz eines sehr geringen Budgets, aber mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der NG, Privatpersonen und durch den Bund -als Anerkennung unserer Leistung – und vor allem durch unsere Kompetenz, die das frühzeitige Entdecken von Qualität und damit billiges Einkaufen ermöglicht, eine großartige Sammlung aufzubauen, zum Teil mit Inkunabeln der Kunstgeschichte (z.B. Duchamp), ja zum Teil ganz neue Sammlungsgebiete wie Fotografie und Video aufzubauen, von denen hochwertige Bestandskataloge Zeugnis ablegen. Niemand kennt diese Sammlung von Gegenwartskunst so gut wie Frau Dr. Steinle und ich, da wir sie Stück für Stück, Ankauf für Ankauf, Schenkung für Schenkung, aufgebaut haben. Als Doktorin der Kunstgeschichte kennt Frau Dr. Steinle selbstverständlich auch die klassische Sammlung ab 1800 perfekt. Das Konzept der Sammlungsausstellung bezieht sich direkt auf die Sammlungsstruktur der NG, steht aber auch in Beziehung zum BRUSEUM, weil Destruktion und Autodestruktion eine Kategorie in einer bestimmten Werkphase von Günter Brus darstellen, die aber insgesamt für eine bestimmte Richtung der modernen Kunst gültig ist. Die Ablösung von Repräsentation (z.B. gemalter Körper bei Schiele) durch Realität (z. B. realer Körper bei Brus) kann aus einer bestimmten Perspektive als Selbstauflösung der Kunst gelten. Diese spannende Neubewertung der Kunst der Moderne, theoretisch sehr anspruchsvoll, kann nur ich als Kurator machen. Es ist ein grotesker Vorschlag der GF- entgegen den Vereinbarungen -dass ich als Urheber des Konzepts nur mehr Berater bei der Ausführung des Konzepts sein soll.

Auch hier ist ein Katalog absolut notwendig, erstens um die Sammlung zu präsentieren und zweitens, um dem Publikum das Verständnis der Ausstellung zu erleichtern. Mit dieser thematischen Sammlungspräsentation werden wir sicherlich die Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums erwecken, wie es die Eröffnung eines neuen Museumsviertels benötigt.

4.           Personale Hans Hollein

Neben der Eröffnung des BRUSEUMs und der Präsentation der Sammlung bedarf die Neueröffnung eines Museum auch einer publikumsattraktiven Wechselausstellung. Meine Wahl fiel auf den Universalkünstler Hans Hollein, weil er zum Anspruch des Universalmuseums wie kaum ein zweiter österreichischer Künstler passt. Hollein ist nicht nur der einzige österreichische Pritzker-Preisträger (Nobelpreis für Architektur) und österreichischer Staatspreisträger, sondern auch bildender Künstler, Designer, Kurator, Theoretiker etc. Seine letzte große Ausstellung hatte er vor ca. 20 Jahren in Wien. Der Name Hollein bürgt für weltweite mediale Attraktivität. Wegen des geringen Budgets ist es der Neuen Galerie bereits bei der Vorbereitung gelungen, Sponsorleistungen aufzutreiben.

5.           Zusammenfassung

Sie sehen, ich habe versucht, gemeinsam mit Frau Dr. Steinle einen Ausstellungsreigen zu konzipieren, der für die Eröffnung des Joanneumsviertels optimale Qualität und Attraktivität garantiert und dem Land Steiermark, gemäß meiner Aufgabe als Chefkurator, einen Dienst zu erweisen. Sie sehen, alle drei zur Eröffnung geplanten Ausstellungen sind an Frau Dr. Steinle und mich konzeptuell wie organisatorisch gebunden, weil wir sie zum Teil bereits jahrelang vorbereiten. Ebenso ist der neue Standort eine Idee von Frau Dr. Steinle und mir. Warum dürfen wir die Früchte unserer Arbeit nicht ernten? Warum soll ich nur wissenschaftlicher Berater sein oder Beiträger von Texten bei den Projekten, die von mir selbst stammen? Ist es nicht ebenso grotesk wie herabsetzend? Darf man Ideen in Österreich einfach stehlen und die Urheber absetzen? Diese Strategie der Ausschaltung verfolgt allerdings die GF des Joanneums bereits seit einiger Zeit. Bei der Eröffnung der Rudolf Szyszkowitz-Ausstellung, dessen Katalog Frau Dr. Steinle herausgab, durfte Frau Dr. Steinle als Leiterin der NG auf Anweisung von Herrn Pakesch nicht sprechen. Wer allerdings sprach, war Herr Intendant Pakesch. Darf eine Leistung, die der Kultur der Steiermark und ihrer Reputation über 30 Jahre zugute gekommen ist und teilweise zu weltweiter Anerkennung führte, einfach negiert werden? Frau Dr. Steinle hat nichts getan, außer eine gute Leistung erbracht zu haben. Sie hat ein Forschungsprojekt über den wichtigsten steirischen Maler des 20. Jahrhunderts initiiert, Wilhelm Thöny, und gemeinsam mit Dr. Nikolaus Breisach 1 Mio EUR von der Steiermärkischen Sparkasse für den Ankauf und die wissenschaftliche Erforschung von Thönys Werk lukriert. Die angekauften Werke werden später als Dauerleihgabe an die Neue Galerie gehen. Auch dieses Projekt wurde von der GF zunächst behindert und in Frage gestellt. Nun darf sie höchstens eine wissenschaftliche Recherche dazu beisteuern. Hat Frau Elfriede Jelinek nicht recht, wenn sie an Herrn LH Mag. Voves schreibt, Frau Steinle wird wie Müll behandelt?

Die neuen Vorschläge der GF zur Realisierung der Eröffnungsausstellungen sind nicht nur persönlich herabsetzend, sondern vor allem sachfremd, außer das Ziel der GF ist, die Realisierung dieser Projekte zu vereiteln. Denn wenn Frau Dr. Steinle und ich keine Rechte mehr haben, keine Befugnisse mehr haben, dann können wir derartige aufwendige Ausstellungen und Kataloge nicht rechtzeitig fertig stellen. Wenn ich bei der Realisierung meiner eigenen Ideen nur beratend tätig sein dürfte, habe ich ja gar kein Pouvoir, um diese Ideen adäquat zu realisieren. Frau Dr. Steinle soll gar keinen direkten Zugang zur Sammlung haben und nur während der normalen Öffnungszeiten Zugang zur Bibliothek haben. Anstatt einer großzügigen Bereitschaft, die Eröffnungsausstellungen für das Land Steiermark zu unterstützen, enthalten die Vertragsentwürfe nur kleinliche Einschränkungen der Befugnisse und der Operationsfähigkeit. Wo es immer nur geht, sprechen die neuen Vertragsentwürfe der GF von Barrieren, Hindernissen und Obstruktionen. Während ich ganz im Gegenteil zu Beginn der Gespräche meine Kompromißbereitschaft signalisiert und als Beweis meines Vertrauens in eine offene und ehrliche Atmosphäre der Zusammenarbeit einen Vorschuss geliefert habe:

Erstens habe ich vorgeschlagen, ein Jahr früher aus meinem Vertrag, der bis Ende 2012 läuft, auszusteigen, wenn Herr Pakesch das will. Zweitens habe ich auf Wunsch von Herrn Pakesch bei der Presseaussendung vom 6.4.2011 meine Aussagen zur GF zurück genommen. Ich möchte betonen, dass es von mir und Frau Dr. Steinle nie eine Feindseligkeit gegenüber der GF des Joanneums gab. Was wir getan haben, war unsere Kompetenz und unsere Autonomie zu verteidigen als Vermächtnis unseres Vorgängers Univ.-Prof. DDr. Wilfried Skreiner. Wir waren nie kritisch, wir waren nur kompetent. Autonomie (Selbstbestimmung) und Authentizität, (sich nicht verbiegen zu lassen), waren für die NG nicht nur der Garant für deren Erfolg, sondern sind die Grundpfeiler der europäischen Zivilisation seit der Aufklärung und daher auch Grundpfeiler des Joanneumgedankens.

Angesichts der Vorfälle in der Politik (von Grasser bis Strasser), bei den Banken (von Bawag bis Hypo), in den Museen (von Noever bis Matt) usw., fragen sich immer mehr Österreicher immer öfter, in welchem Land leben wir? Leben wir noch in einem Rechtsstaat? Unmittelbar nach der Mitteilung der Demission als Leiterin der NG wurde Frau Dr. Steinle der Schlüssel von ihrem Büro abgenommen, damit der Zugang zu Büro, Post, Emails etc., verweigert. Ein Schreiben ihres nominierten Nachfolgers Dr. Peer erreichte Herrn RA Dr. Lindner, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass das Büro von Frau Dr. Steinle geräumt werde. Sie wurde zwangsweise dienstfrei gestellt, gleichsam unter Hausarrest gestellt. So behandelt man normalerweise nur politische Verbrecher. Frau Dr. Steinle hat aber nichts angestellt, das eine derartige „bürokratische Grausamkeit” (Frido Hütter, Kleine Zeitung) legitimiert.

Als Antwort auf den Wortbruch der GF, welcher ein Gelingen der Eröffnungsprojekte in Frage stellt, kann es nur eine Reaktion geben. Frau Dr. Steinle muss wieder als Leiterin der NG bis zum Jahresende 2011 eingesetzt werden, damit sie die Verantwortung übernehmen kann und die Eröffnungsausstellungen sicherstellen kann. Es ist lächerlich anzunehmen, dass sie als kuratorische und organisatorische Assistenz unter den von der GF gewünschten Bedingungen die Verantwortung übernehmen kann. Umso weniger kann ich sie übernehmen. Die Wiedereinsetzung von Frau Dr. Steinle als Leiterin bis Ende 2011 bedeutet nicht im Geringsten eine Veränderung der Sparpläne. Die

 

sogenannte Strukturreform wird dadurch auch nicht beeinträchtigt, weil die neue Abteilung „zeitgenössische und moderne Kunst” mittlerweile schon wieder aufgelöst ist. Frau Dr. Fiedler erhält wieder die Leitung des Skulpturenparks. Genau so gut kann Frau Dr. Steinle auch die Leitung der NG wieder erhalten, zumindest auf ein Jahr. Wenn daher politisch gewünscht wird, dass vom Land Steiermark ein größerer Schaden abgewendet wird, wenn politisch gewünscht wird, dass die negativen Presseberichte um das Joanneum aufhören, wenn tatsächlich gewünscht wird, dass es eine glanzvolle Eröffnung des Joanneumsviertels gibt, würdig des Joanneumsgedankens und seiner Ideale: Wissen, Bildung, Solidarität, Aufklärung, Humanität gibt es dafür nur eine Lösung: Die Wiedereinsetzung von Frau Dr. Steinle als Leiterin der NG bis Ende 2011. Sie hat übrigens im Gespräch mit der GF bei der Mitteilung ihrer Absetzung genau diesen Vorschlag gemacht. Hätte die GF diesen Vorschlag akzeptiert und nicht ein Exempel der Machtdemonstration liefern wollen, hätte auch ich nicht protestiert und dann wäre auch ich nicht gekündigt worden und es hätte keinen Medienskandal gegeben. Aber diese harmonische Lösung wollte die GF nicht. Warum? frage ich wie Herr Titz in der Kleinen Zeitung. Für die Bitte um Wiedereinsetzung von Frau Dr. Steinle gibt es nur sachliche Gründe. Die drei Eröffnungsausstellungen können nur realisiert werden, wenn Frau Dr. Steinle und ich sie erarbeiten können und wir werden sie nur erarbeiten können, wenn wir die tatsächliche Leitung innehaben und nicht nur Beraterfunktionen, noch dazu mit Behinderungen und Bedrohungen. Nicht von außen, sondern nur von innen können diese Ausstellungen bewältigt werden. Es ist mir unbegreiflich, warum man ein halbes Jahr vor der Eröffnung die Personen aus ihren Positionen schmeißt, die im Auftrag der GF diese Ausstellungen seit langem vorbereiten. Im Jahresprogramm des Joanneums 2011 steht genau die Verteilung der Aufgaben fest, die mit der GF abgesprochen war. Die Urheber der Eröffnungsausstellungen sollen diese auch tatsächlich realisieren dürfen, und zwar an dem neuen Standort, den sie selbst initiiert haben. Wenn „ein moderner Kulturcluster europäischen Formats” (Programmbuch 2011) tatsächlich im Joanneumsviertel entstehen und dieser Cluster feierlich zelebriert werden soll, wenn wissenschaftliche Standards eingehalten werden sollen, die gleichzeitig publikumsattraktiv sind, kann nur die Wiedereinsetzung von Frau Dr. Steinle dies garantieren, die zusammen mit dem großartigen Team der NG und mit mir eine phantastische Arbeit leisten wird. Jede andere Version wäre kontraproduktiv. Die Zerstörung der Neuen Galerie bedeutet auch die Zerstörung des Joanneums-Gedanken. Wer wünscht sich dies zum 200-jährigen Jubiläum des Joanneums?

Ich bitte Sie, Verantwortung zu übernehmen im Sinne der Kultur in der Steiermark, im Sinne der Menschenrechte und im Sinne der Zivilgesellschaft. Ich weiß, in anderen Ländern wie China, Russland etc. ist es schlimmer, dort werden Leute inhaftiert, deportiert oder getötet, wenn sie nicht systemkonform sind. Aber auch in Österreich werden freie Geister schikaniert, verhöhnt, drangsaliert, weggesperrt, buchstäblich ausgesperrt. In Österreich verliert man nur seinen Job bzw. wird die berufliche Existenz vernichtet, wenn man sich gegen Machtmissbrauch wehrt. Schlimm genug, finde ich. Funktionieren so Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft und Kunst in der Steiermark, wie es der Skandal um die Neue Galerie zeigt?

„In diesem Land gibt es zu wenig verantwortungsbewußte Menschen” sagte Ai Weiwei, der berühmte verhaftete chinesische Künstler, und ich hoffe, er meinte China und nicht Österreich.

Hochachtungsvoll

Peter Weibel

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