13. Mai 2011: Schreiben von Prof. Weibel an die politischen Abgeordneten des Landes und der Stadt und Medien (Kurztext)

Sehr geehrter Herr, sehr geehrte Frau …

Link Kunstzeitung: Skandal in Graz: Pakesch und Joanneum trudeln ins Abseits (Kunstzeitung Mai 2011, S. 2, Auflage 200.000 Exemplare)

Am 4. April 2011 wurde in einer Sitzung mit Kultur LR Dr. Christian Buchmann, der Geschäftsführung des Joanneums (GF) und mir beschlossen, dass ich gemeinsam mit Frau Dr. Christa Steinle die drei Eröffnungsausstellungen der Neuen Galerie im Joanneumsviertel (Bruseum, Hollein, Sammlungsausstellung »Moderne«) am 26.11.2011 realisieren und Frau Dr. Steinle 2012 die Ausstellung Wilhelm Thöny kuratieren soll. Diese Vereinbarung wurde der Öffentlichkeit via Fernsehen und Presse mitgeteilt (siehe Die Presse 15.4.2011, Fokus Steiermark, etc.). Auch das Kuratorium des UMJ wünschte sich in seiner Sitzung am 6.4.2011 eine einvernehmliche Lösung, welche die drei Eröffnungsausstellungen sicher stellt. Am Mittwoch 6.4.2011 wurden zwischen der GF, Frau Dr. Steinle, mir und weiteren Vertretern des Joanneums in Anwesenheit von RA Dr. Guido Lindner die gewünschte Lösung gefunden, genauso wie sie im Programmbuch des UMJ steht. Ich werde als Kurator der drei Eröffnungsausstellungen wieder eingestellt und Frau Dr. Steinle leite als Stabsstelle das Projekt der Eröffnungsausstellungen. Dieser Vertragsentwurf wurde den Medien als ein von allen Parteien tragbarer Kompromiss mitgeteilt (siehe Kleine Zeitung online 6.4.2011). Als Zeichen meines ehrlichen Bemühens für ein gutes Arbeitsklima und eine harmonische künftige Zusammenarbeit war ich – auf ausdrücklichen Wunsch von Peter Pakesch – sogar bereit, mich in der Presseaussendung der GF vom 6.4.2011 für meine Wortmeldungen in der Presse zu entschuldigen. So entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck einer Einigung. Einige Tage später war alles anders. RA Lindner, der die Interessen von Frau Dr. Steinle und mir vertritt, wurde mit einseitig geänderten Vertragsentwürfen seitens der Joanneumsleitung konfrontiert, welche die ursprünglichen Vereinbarungen vollkommen verdrehen bzw. zurücknehmen. Von den drei geplanten Ausstellungen wurde mir nur mehr die Hollein-Ausstellung als Kurator zugesagt. Bei meinen anderen Ausstellungen dürfte ich eventuell eine beratende Rolle spielen (siehe Beilage). Dr. Steinle und mir wurden sämtliche Rechte und Kompetenzen abgesprochen, z.B. die Herausgeberschaft der Kataloge und nur ein Vorschlagsrecht für die Edition durch Verlage. Dr. Steinle wird der direkte Zugang zur Sammlung verwehrt und dürfe nur während der normalen Öffnungszeiten die Bibliothek benützen.

Der gefundene und öffentlich verkündete Kompromiss wurde also von der Geschäftsführung des Joanneums selbst wieder aufgelöst. Die Kompromiss-Lösung wurde von der GF selbst torpediert und versenkt. Mit dem Wortbruch der GF des Joanneums sind nun die drei Eröffnungs-Ausstellungen durch die Geschäftsführung erneut in Frage gestellt. Die GF annullierte den Kompromissvorschlag vom 4. und 6.4.2011 und blockiert damit die Realisierung der drei Eröffnungsausstellungen. Da dieser Weg von der GF selbst versperrt wurde, ist er nicht weiter gangbar, denn er verhindert gezielt die Realisierung der drei Eröffnungsausstellungen. Die GF hat also mich, Frau Dr. Steinle und RA DR. Lindner, aber auch die Presse und die Politik getäuscht.

Ein neuer Weg muss gefunden werden, eine verlässliche Lösung, welche die drei Eröffnungsausstellungen realisierbar macht. Hans Hollein und Günther Brus haben aufs Neue betont, dass sie nur mit mir als Kurator der Ausstellungen und Herausgeber der Kataloge in Zusammenarbeit mit dem von Frau Dr. Steinle geleitetem Team der Neuen Galerie ihre Ausstellungen machen wollen. Die neue und notwendige Lösung lautet daher: Um alle Unsicherheiten und Unzuverlässigkeiten aus dem Weg zu räumen, ist es unumgänglich, Frau Dr. Steinle als Leiterin der Neuen Galerie zumindest bis zum Ende 2011 wieder einzusetzen. Nur so kann der Erfolg der Eröffnungsausstellungen mit dem geringen Budget und der Zeitknappheit garantiert werden. Dass so etwas möglich ist, zeigt das Beispiel von Frau Dr. Fiedler. Die neue Abteilung »Zeitgenössische und moderne Kunst« (Kunsthaus, Neue Galerie, Skulpturenpark), die ja angeblich die Ursache für die Demission von Frau Dr. Steinle war, wurde, kaum gegründet, schon wieder aufgelöst. Frau Dr. Fiedler erhält glücklicherweise die Leitung des Skulpturenparks zurück (plus – bedauerlicherweise – die Leitung des Instituts für Kunst im Öffentlichen Raum, die zuvor Frau Dr. Steinle von der GF angeboten worden war, die sie aber aus Respekt und Anerkennung für die Arbeit von Herrn Dr. Fenz abgelehnt hatte). Also kann auch Frau Dr. Steinle die Leitung der Neuen Galerie, zumindest befristet bis Jahresende, wieder zurückerhalten. Frau Dr. Steinle hat immer loyal gegenüber der GF und dem Joanneums-Gedanken gehandelt. Jede andere Darstellung entspricht nicht den Tatsachen und wäre Verleumdung und Mobbing. Sie hat sich in den dreißig Jahren ihres Wirkens in der Neuen Galerie nichts zu Schulden kommen lassen, sondern im Gegenteil zahlreiche Künstlerinnen entdeckt und deren Karrieren gefördert, bedeutende Ausstellungen kuratiert und eine großartige Sammlung aufgebaut. Zu ihrem 60. Geburtstag im Jahr 2011 verdiente sie eine Festschrift und nicht, dass man sie ein halbes Jahr vor den lange vorbereiteten Eröffnungsausstellungen »wie Müll behandelt« (Nobelpreisträgerin E. Jelinek) und davon jagt, ihr den Schlüssel wegnimmt und den Zugang zu ihrem Büro verweigert, gleichsam ins Exil schickt und ausbürgert. Nur sie als Leiterin der Neuen Galerie mit Weisungsbefugnis und Zugang zum Personal etc. kann eine glanzvolle Eröffnung der Neuen Galerie im Joanneumsviertel zum 200-jährigen Jubiläum sicher stellen. Diese Lösung würde auch von der Kunstszene und den Medien als Beleg einer sachlichen und souveränen Kunstpolitik sehr begrüßt werden. Eine andere Lösung bzw. Nicht-Lösung würde, wie schon erlebt, erneut einen gewaltigen Sturm in den Medien entfachen, größer als der bisherige. Denn kommt es zu keiner Einigung in diesem Sinne, werden die drei Eröffnungsausstellungen nicht stattfinden, weil ich dann meine kuratorischen Aufgaben nicht wahrnehmen kann und will und meine Projektideen zurückziehe, ebenso wie die Künstler.

Es würde ein merkwürdiges Licht auf die Kulturpolitik des Landes Steiermark werfen, wenn ausgerechnet zum 200-jährigen Jubiläum des Joanneums die Neue Galerie zerstört würde, welche seit ihrer Gründung 1941 die erfolgreichste Abteilung des Joanneums ist, nur weil der Intendant des Joanneums, der gleichzeitig auch Leiter des Kunsthauses ist – was eine strukturelle Unvereinbarkeit ist -, die Neue Galerie unter seinen absoluten Einflussbereich stellen will. Das ist ja das eigentliche Ziel der Zusammenlegung von Kunsthaus und Neuer Galerie. Bei dieser Machtübernahme standen Frau Dr. Steinle und ich im Wege, deswegen mussten wir entfernt werden. Es wäre zumindest beunruhigend, wenn die verantwortlichen Politiker ausgerechnet zum Jubiläum des Joanneums und dessen hehren Idealen zusehen, wie die Grundpfeiler der Zivilgesellschaft missachtet werden, was durch die gescheiterten Eröffnungsausstellungen dokumentiert wäre.

Ich bitte daher alle zuständigen Politiker, Verantwortung zu übernehmen, Frau Dr. Steinle zu rehabilitieren, damit wir alle gemeinsam mit den Künstlern, dem Team der Neuen Galerie und der Bevölkerung das Joanneumsviertel adäquat und kompetent, menschlich und künstlerisch erfolgreich eröffnen werden. Ansonsten bleibt vom Jubiläumsjahr nur der Skandal (siehe Kunstzeitung Mai 2011) und das Gelächter der Geschichte.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Peter Weibe!

P.S. In der Anlage finden Sie Beilage 1 (Schreiben von Herrn Dr. Muchitsch), Beilage 6 (Kunstzeitung Mai 2011) und eine längere Version meines Briefes mit detaillierter Darstellung der Sachlage.

 

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